Über Vanesco in Bregenz

Vanesco füllt Räume. Aus der Vielzahl seiner täglichen, häufig
vom Zufall bestimmten Sammlungsarbeit wählt und gruppiert er
Gegenstände, denen in der Absichtlichkeit ihrer Anordnung
wahrlich nichts Zufälliges mehr anhaftet. Die Gegenstände treten
in Bezug zueinander, oft über den ganzen Raum hinweg, füllen
den Raum, laden ihn auf.

Mit der Schwelle zu diesen Räumen lässt man eine Welt hinter
sich, die Welt des Alltäglichen, Gewohnten und betritt eine andere,
ähnlich dem Schritt, den man tut, wenn man eine Kirche betritt.
Natürlich ist und bleibt man ein Teil jener Alltagswelt, die man soeben
verlassen hat, nimmt deren Erfahrungen und Reaktionen mit
hinüber in jene andere, die Vanesco uns vor Augen führt,
merkt aber sofort, dass etwas anders ist. Was ist das? Die erste
Reaktion der Menschen ist Schweigen (wie in der Kirche?),
Insichhineinhorchen, Schauen, Fühlen.

Betroffenheit nicht zuletzt auch darüber, dass, allein gelassen mit
sich und den Gegenständen, die uns vorgeführt werden, über das
Seh- und Tastbare hinaus, plötzlich eine andere, unbekannte neue
Art der Wahrnehmung zur Verfügung steht, die wir zwar immer
in uns tragen, in der Alltagswelt aber zumeist nicht benötigen und
die darum tief in uns verschlossen liegt. Der erste Akt der Wahrnehmung
beginnt also in uns selbst.

Vanesco nimmt Gegenstände aus unserer alltäglichen Welt, der
Natur, abgelegte Dinge der Zivilisation, bearbeitet sie – teils nur
geringfügig, gruppiert sie neu, inszeniert sie, erhöht sie durch ihre
Anordnung. Wie führt uns diese Apotheose der Materialität zu
jenem neuen Schauen? Wir sind es gewohnt, einen abgestorbenen
Ast in der Natur zu sehen, schlimmstenfalls in der Stube mit einem
Blumenarrangement darauf. Vanesco nimmt ihn mit mehreren
anderen zusammen, bündelt sie, wickelt sie in leimgetränkte
Binden. Plötzlich entsteht eine Art Mumie aus natürlichem Verfall,
durchaus an organische, ja fast menschliche Formen erinnernd.
Erschreckend wird uns bewusst, dass an keiner Stelle versucht
wird, uns ein menschliches Abbild vor Augen zu führen. Die
anthropomorphe Form entwickelt sich allein aus dem Material
heraus und stellt damit eine Verbindung her zwischen Mensch
und Vergänglichkeit.

Zur intellektuellen Kritik gerät das ganze Gebilde in dem Moment,
wenn es an der Stirnseite eines langen Raumes in eine Arkade
gelehnt, gerahmt wird in den flankierenden Nischen von zwei
schwebend aufgehängten mumifizierten Tierkadavern, filigran,
schattenwerfend, beängstigend. Schon hat der Betrachter eine
sakrale Konfiguration des Gekreuzigten, flankiert von zwei Engeln
im Kopf, wie sie unserer alltäglichen Seherfahrung aus Dutzenden
von Kirchen entspricht. Denn wir gehen ja mit unserem Bündel
Kultur beladen und holen dies angesichts der Installation in das
Bewusstsein oder bringen es zumindest zum Mitklingen.
Vor der „Figur" stehen zwei Liegen, darauf eine Unmenge verschimmelter
Brote. Authentizität: Vanesco bildet nicht ab, schafft
keine künstlerischen Surrogate, sondern drückt das, was er
sagen will aus mit der schockierenden Direktheit der Materie –
Tierkadaver, verschimmeltes Brot. Im Objekt spüren wir eine
zweite, in ihm selbst begründete gedankliche Ebene, die aber
nicht durch künstlerische Gestaltung entsteht sondern lediglich
in uns durch die Transformation des Gegenstandes in den neuen
Zusammenhang.

Aber nicht nur Tod, Verwesung, Vergänglichkeit spricht er an, er
betrachtet das Leben auch mit Heiterkeit, mit Ironie. Ganz eigene
formale Qualitäten bekommt ein Raum, in dem aus Dutzenden von
Nylonstrumpfhosen, an Binden von der Decke hängend, in jedem
Strumpffuß jeweils ein Ei baumelnd, ein fragiles Labyrinth aus
Lebenssymbolik, Erotik und medizinischer Notwendigkeit entsteht.
Hier entwickelt sich ein fragiles Gleichgewicht aus fetischhafter
Erotik und Ästhetik des Formalen. Licht, Schatten, Bewegung,
Begehbarkeit, aber auch die letztliche Unberührbarkeit des Kunstwerkes
durch die Fragilität spielen wiederum auf jenen kulturellen
Hintergrund des Besuchers an.

Eine ganz ähnliche Qualität des Getragenen, Benutzten, auch
Benutzbaren findet sich in einer Sammlung von Gegenständen, die
sich mit den Grundlagen des Lebens (speziell des Lebens Vanesco,
also eine Art Selbstporträt) auseinandersetzt; Getreidekörner in
trichterähnlichen schnabeltassen-förmigen Objekten nebeneinander
vor der Wand am Boden aufgestellt, darüber säuberlich aufgereiht
Kranzbänder mit den Stichworten, die einen Bogen schlagen zwischen
den Polen des Lebens, Brot und Spiritualität. Es tauchen
Begriffe auf wie Atem, Mut, Glaube, Lachen, Beten, Miteinander,
Flamenco, Bescheidenheit, Geduld, Friede, Güte usw.. Sie umfassen
all das, was den Menschen in seiner Menschlichkeit ausmacht, dargebracht
in Form eines Nachrufs auf Kranzschleifen, andererseits
auf das, was ihn physisch am Leben hält.
Das Obergeschoss gestaltet Vanesco nun vollends als Sakralraum:
Alte Bienenstöcke, die zur Form von Sesseln aufgeklappt sind,
Rücken an Rücken aneinandergereiht, zeichnen die Mittelachse des
Raumes nach, dessen Wände verhängt sind mit Hunderten von
Skizzen, Notaten. Ebensolche Blätter umgeben auf dem Boden
liegend das Gestühl. An ein Chorgestühl mittelalterlicher Kirchen
gemahnend, durch zahllose Nägel alles andere als zum Sitzen
einladend, zudem unnahbar durch die auf dem Boden gereihten
Zeichnungen, umgeben von der Bilderwelt der Kirchenfenster und
-wände versetzt der Raum den Besucher in eine mystische Welt,
vergleichbar der eines Kirchenchores. Die Zeichnungen, flüchtige
Notate mit dem Pinsel und Kaffeesatz zu Papier gebracht, enthalten
einen Mikrokosmos von Figürlichem und Informellem, das
Figürliche enthält menschliche Formen ebenso wie solche der
Insektenwelt. Der Raum zieht den Besucher in seinen Bann, lässt
ihn schweigen, fühlen.

Vanesco führt uns also zu uns selbst, bietet uns an, nur zu schauen,
aber auch zu denken, ohne uns konkret die Richtung vorzuschreiben.
Gefühl und Verstand, diese beiden Pole spricht Vanesco mit
den unterschiedlichen Ebenen seiner Bildwelt in eben dieser
Reihenfolge an und stellt beides wieder in Frage, indem er zur
Kernfrage vordringt: „was ist was?" Was ist Kunst? Was ist Sehen?
Was wird Bestand haben? Was ist Gefühl? Was Wissen?

Text von Dr. Kornelius
Kunsthistoriker, München
Juni 2000

 

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